„Uhr-Großvater“

Der Baukran hat`s möglich gemacht: Durch das geöffnete Kirchendach ließ sich das frühere Uhrwerk der Turmuhr  herunterheben, damit es für einige Wochen in der Kirche ausgestellt werden kann. Wer etwas zu seiner Geschichte erfahren will, hat es nicht weit. Gegenüber im Fahrradladen wissen Ernst Brehm und besonders seine Frau Marlen ganz viel, denn ihr Urgroßvater hat  das Werk gebaut. Johann Ritzert II betrieb in  eine Werkstatt, die sich auf Turmuhren für Kirchen, Rathäuser und Schulen spezialisiert hatte. Über die Ritzert-Dynastie der Großherzoglichen Hof-Uhrmacher  erfährt man mehr im Museum Gruberhof in Groß Umstadt.

1850 wurde die Roßdörfer Kirche erbaut, aber erst sieben Jahre später konnte man sich die Turmuhr leisten. Sie tat ihren Dienst, bis sie in den 60er Jahren durch eine elektrische Anlage ersetzt wurde.  Ernst Brehm erinnert sich noch, dass er als Konfirmand täglich gegen Abend mit seinem Freund  in den Turm steigen musste, um die schweren Gewichte für das alte gusseiserne Werk wieder hochzukurbeln. Das war dann vorbei. 1920 gab Marlens Großvater Johann Ritzert III die Herstellung auf; mit der einsetzenden industriellen Fertigung konnte er nicht mithalten. Er verlegte sich auf die Instandsetzung.  So betreute er auch das Glockenspiel am Schloss in Darmstadt. Heute kann man seine Werkstatt und sein Werkzeug im Hessenpark bewundern.  Und ein Exemplar seiner Kunst eben für ein paar Wochen im Roßdörfer Kirchenraum, bis der Kran es wieder auf den Dachboden hievt.
Bild u. Text: S. Krieger